
Wechselvoll ist nicht nur das Wetter, sondern auch die Landschaft:
hier die Dünen über dem Trawalua Strand hinter dem
Ort Cliffony

Irland wie man es sich vorstellt: herausgeputzte Steinhäuser
Macht
Spaß: Nach dem Putzen ausgedehntes Wälzen im Gras

Wind und Wasser: Der nasse Strand erweist sich als die ideale
Rennstrecke
 
Wo geht es lang? Die Karte gehört hier zur Reiterausrüstung
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Die
Propeller des Kleinflugzeuges arbeiten auf Hochtouren. Wolkenfetzen
geben den Blick frei auf sorgfältig mit Trockensteinmauern
eingezäunte, hügelige Schafweiden, einen dunklen See,
dann und wann ein Haus. Endlich erscheint die irische Nordwestküste
mit den wie für ausgedehnte Galopps geschaffenen Sandstränden
und dem majestätischen Tafelberg Ben Bulben. An seinem Fuß liegt
das Ziel des viertägigen Wanderritts, das Grab des Literaturnobelpreisträgers
William Butler Yeats. Hier in Sligo fand er sein «Land
of Heart's Desire».
Colette Anhold, Hausherrin der «Horse Holiday Farm» bittet die eingetroffene
Fünfergruppe zu einem Irish Breakfast als Stärkung. Danach soll es
losgehen zu einem mehrstündigen Ritt. In der Sattelkammer wird man aber
zuerst einmal ausgelacht: «You are so clean!», amüsieren sich
drei kanadische Ladys, die gerade vom Yeats-Trail zurückgekehrt sind. Sie
haben im knietiefen Moor die Pferde führen müssen und sich mehrfach
verirrt. Eine der Damen steckt uns zum Abschied ein Döschen Wundcreme zu.
Die «Horse Holiday Farm» mit ihren rund
100 Pferden schickt Tier und Reiter auf mehrtägige, ungerührte
Trecks. Dies ist in Irland ein einzigartiges Angebot. Der Deutsche
Tilman Anhold verliebte sich vor 35 Jahren in seine Colette und
den abgelegenen Zipfel Erde am Atlantik. Die Pferdenarren kommen
aus Deutschland, England, aber auch aus Australien, den USA und
sogar Japan zum Reiten ohne Limit. Man trifft hier «Rösseler» aller
Alters- und Berufsgruppen. Regenmantel, Reithelm und spätestens
der Dreck machen alle gleich. Oder doch nicht? Achtzehn Ehen sollen
hier jedenfalls ihren Anfang genommen haben.
Salzluft beflügelt
Kaum sitze ich im Sattel von Schimmel Nordic mit der Silbermähne,
drängt er schon vorwärts. Die Pferde hier laufen gerne,
sind stark und spritzig, gleichzeitig aber sehr ausgeglichen. Kein
Wunder, die Saison dauert wetterbedingt nur von April bis Oktober,
den Rest des Jahres verbringen die Tiere auf der Weide.
Es geht im
Zickzack durch die Heide. Kaninchen und ein Fasan werden im flotten
Trab aufgescheucht. Gestochene Torfbrocken trocknen an der Sonne,
und weiße Moorgras-Büschel wiegen sich im Wind. In der
Ferne ragt die unwirkliche Silhouette von Classie Bawn Castel in
den mittlerweile ins Zwielicht getauchten Himmel. Im «Coffee-Pot» finden
wir Unterschlupf vor dem Nieselregen und Scones vor dem Strandgalopp.
Sobald die Tiere Salzluft in den Nüstern und Sand unter den
Hufen haben, gibt es kein Halten mehr. In den Steigbügeln stehend,
donnern wir die Atlantikküste entlang. Erst vor einer steinigen
Stelle parieren wir die Pferde. Ohne mit der Wimper zu zucken, stampfen
die für ihre Trittsicherheit und ihren Mut bekannten Irish Hunter über
die mit Algen bewachsenen, glitschigen Felsbrocken heimwärts.
Im Bed and Breakfast angekommen, legen wir uns überwältigt
und noch in voller Montur aufs Bett und füllen den Wunschzettel
fürs Frühstück aus: Porridge, Eier, Speck, Schinken,
Bohnen und Pancakes. Am nächsten Morgen trägt die Hausfrau
im Esszimmer stilecht auf Spitzendecke auf und fragt sich, wer um
Himmels Willen all das bestellt habe.
Die Zeit ist in dieser Wildnis belanglos, nur für die Überquerung
des Wattenmeers wird ein Blick auf die Uhr und den Tidenplan geworfen.
Gespenstische Stille liegt über dem Unort, der weder Land noch
Wasser ist. Nur das Aufsetzen der Hufe auf dem nassen Sand und das
Schnauben der Tiere sind zu hören, ein Fischreiher verschwindet
im Nebel. An einer Ruine
vorbei jagen wir in die Dünen von Dernish Island zur Robbenkolonie.
Auf dem Rückweg peitscht die Flut bereits hohe Wellen an den
Strand. Hier liegen noch immer drei 1588 im Sturm gesunkene Schiffe
der spanischen Armada. Wir setzen an zum Galopp unseres Lebens. Nordic
rennt erfreulicherweise immer weit voraus, denn wer zurückbleibt,
kriegt ein Sand-Peeling verpasst. Die Pferde bekommen dafür
eine Abkühlung in der Brandung, bevor es zu Familie Woods geht.
Gastgeber Michael liebt das Erzählen: wie Countess Markievicz
von Poet Yeats umschwärmt und, während sie im Gefängnis
saß, als erste Frau ins Unterhaus gewählt wurde, wie die
IRA1979 Lord Mountbatten mit seinem Boot bei Mullaghmore in die Luft
sprengte und dass sein Schloss heute von einem Millionär bewohnt
wird. So geht es munter fort.
Am
Pferdebauch hängend
Pferden und Reitern begegnet man in Irland freundlich. Autofahrer
lassen uns den gesetzlich verankerten Vortritt, und obwohl
auf drei Iren ein Pferd kommt, winken die Kinder uns erfreut
zu. In Cloughboley angekommen, tischt uns Mama Ciaire schon
Tee und Cookies auf, bevor wir aus den Reitstiefeln sind.
Die Natur behält hier stets die Oberhand: Kaum sind die
Pferde abends geputzt, wälzen sie sich schon genüsslich.
Das Guinness haben wir uns noch nie so hart verdient - die Wundcreme
tut gute Dienste. Auch das Wetter verwöhnt selten. Als wir
hoch über dem Meer auf den Klippen traben, mischt sich plötzlich
Regen in den Westwind, so dass wir die Küste hinter uns
lassen und landeinwärts
trotten.
Die vierte und letzte Etappe bringt einige Überraschungen
mit sich. Beim Galopp am acht Kilometer langen Lissadell-Strand
verliert Nordic ein Hufeisen. Während der Stall verständigt
wird, nutzt Cruiser die Pause und versucht, sich samt Sattel
und Reiterin in den Sand zu legen. Das auf den gälischen
Namen Gaynor hörende Ersatzpferd wartet schon. Rasch wird
umgesattelt, und nach nur wenigen Metern im Schritt hängt
die Reiterin plötzlich am Pferdebauch. Nach mehrmaligem
Nachgurten reiten wir in einen märchenhaften Kiefern- und
Birkenwald. Stauden von rotem Fingerhut stehen wie Zauberwesen
am Wegrand. Allzu verträumte Reiter holt ein tief hängender
Ast auf den Boden der Tatsachen zurück.
Zum Schluss wird das Hochmoor in Angriff genommen. Zwischen wildem
Rhododendron, wucherndem Ginster und aus dem Morast schießenden
Farnen windet sich ein schlammiger Trampelpfad. Das schmatzende
Geräusch der versinkenden Hufe begleitet uns. Kaum sind
wir aus dem Dickicht getreten, thront der Berg Ben Bulben wie
ein Schiffsbug über unseren Köpfen, und im Tal ist
bereits der Kirchturm von Drumcliff auszumachen. Dort nehmen
wir Abschied - an Yeats Grab.
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